Ein Tag der Trauer.

Episode 19: Abschied

Wir haben uns heute hier versammelt, um Abschied von Richard Korschatke zu nehmen.“ sprach Pastor Siebert ins Mikrofon vor der versammelten Trauergemeinschaft. Den guten alten Richard hat es also erwischt. Wie konnte das passieren? Hat ihn in der Alkohol letztlich niedergerungen, war es ein feiger Mordanschlag seiner Katze Baron von Scheißhausen? Oder ist er einfach unter dem gesellschaftlichen Druck zusammengebrochen? Mitnichten … Ein Tauchunfall sollte ihm das Leben kosten. Richard hatte in einer Historien-Sendung etwas von verschollenem Nazi-Gold gesehen und dass davon vielleicht noch etwas in Berliner Seen liegen könnte. Das sah Richard als große Chance, seiner chronischen Armut endlich zu entkommen. Richard leihte sich das nötige Equipment und machte sich mit seinen Freunden an die Arbeit. Richard tauchte und tauchte, doch fand nichts. Als alle schon aufgeben wollten, startete Richard einen letzten Versuch, von dem er nie zurückkehren sollte. Er war schon dunkel und als Richard schon deutlich über dem gesetzten Zeitlimit war, versuchten Kalle und Holger ihn noch im Wasser zu suchen, aber beide hatten sich kurz zuvor die Bäuche mit Buletten und Bier voll gehauen und direkt nach dem Essen sollte man nicht ins Wasser gehen, dachten sich die beiden. Handtücher hatten sie halt auch keine dabei und beim Erste Hilfe Kurs vom Arbeitsamt wurden ihnen gesagt, man solle sich selbst nicht in Gefahr bringen. Die Beiden riefen die Feuerwehr und es wurde ein riesiger Rettungseinsatz, doch auch die Spezial-Taucher konnten Richard nicht finden. Nach mehreren Stunden musste der Einsatz dann wegen des Wetters abgebrochen werden. Richard wurde einige Tage später für tot erklärt.
So ein Todesfall zieht eine Menge Arbeit nach sich. Harry, Kalle und Holger teilten sich die Aufgaben. Kalle war für die Todesanzeige in der Zeitung verantwortlich. Dort konnte man lesen: „Mann verstorben. Nachmieter für 2-Raumwohnung gesucht. Katze kann gegen Abschlag übernommen werden.“ Harry kümmerte sich um die Organisation der Beerdigung und Holger wurde mit dem Catering für die anschließende Feier beauftragt.
Spulen wir nun etwas vor. Der Tag der Beerdigung war nun gekommen und die Stimmung war erst mal nicht so pralle. Obwohl Richard konfessionslos war, wollte er immer eine kirchliche Bestattungszeremonie. Richard sagte immer, dass schnell an Gott glauben würde, wenn er merkt, dass er gleich stirbt, Pascal´sche Wette und so. Eine kirchliche Bestattung sollte seine Chance auf das Himmelreich erhöhen. Die Zeremonie fand in jener Kirche statt, in welcher Richard einmal sturzbetrunken einkehrte, um sich vom sonntäglichen Abendmahl noch einen Schlummertrunk zu genehmigen. Pastor Siebert versuchte von da an, Richard zu helfen und auf den rechten Weg zu bringen, doch auch er hatte keinen Erfolg. Deshalb war es umso wichtiger für ihn, Richards Beerdigung zu leiten. Der Pastor sprach ein paar Worte und übergab dann das Wort an die Angehörigen. Beim Ausmisten in Richards Wohnung hatten Kalle und Harry auch Richards Tagebuch gefunden, in dem sie einige interessante Anekdoten fanden. Sie nahmen das Buch mit zur Beerdigung und wollten daraus vorlesen. Kalle trat zuerst auf die Kanzel. „Juten Tach ihr Fatzken. Schöne Scheiße, wa?“ Schluchzen von Richards Mutter hallte durch den Raum und auch Baron von Scheißhausen konnte seine Emotionen nicht länger im Zaum halten. „Ick hab hier n Buch von Richard jefunden jehabt. Und ick finde, da sind n paar interessante Sachen bei, die uns och vielleicht helfen, n bisschen besser zu verstehen, wat er für´n Mensch jewesen war, nich immer schlecht und böse, sondern och eener, der sich nach Liebe und Zuneigung jesehnt hat. In dem Pamphlet hier hat sich Richard mitm Thema Liebe sehr persönlich auseinander jesetzt jehabt, wenn ick dit richtig versteh. Deswegen würde ick euch jetz jern wat draus vorlesen. Die erste Jeschichte hier drinne handelt von seiner Schulzeit.“


„Aller Anfang ist schwer. Meine ersten Schritte im Minenfeld der Romantik und Liebe:
Ich kann mich noch vage erinnern an eine Zeit, in der ich definitiv jünger als jetzt gewesen sein muss. Ich war vielleicht 14 und war allerdings schon sehr stark behaart. Ich ging zur Schule und hing größtenteils mit meinen zwei Freunden ab. Achim Stitzer, auch Schlitzer genannt, und Stefan Kosowsky, damals besser bekannt als Fetti. Wir waren natürlich die coolsten der ganzen Schule, aber mit Mädchen hatten wir es nicht so. Verliebt war ich damals in ein Mädchen aus der Parallelklasse, ihr Name war Katharina Seeler. Oh Katharina, was habe ich für dich geschwärmt, das wussten auch meine beiden Kumpels. Aber gut, kommen wir zur eigentlichen Geschichte. Katharina wusste nicht sonderlich viel von mir, erst recht nicht, dass ich Gefühle für sie hegte. Ein Plan musste damals her, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Damals konnte ich ein bisschen Gitarre spielen und Schlitzer hatte sich seit einiger Zeit am Schlagzeug versucht. Ich hatte beschlossen, beim damaligen Talent-Wettbewerb der Schule zusammen mit Fetti und Schlitzer einen Auftritt hinzulegen, der sich gewaschen hatte. Ich wollte einen Song nur für Katharina schreiben und ihn dann vor versammelter Mannschaft aufführen. Ein bombensicheres Konzept, dachte ich damals, war ja schließlich in jedem Film so. Ich setzte mich damals zuhause direkt mit meiner Gitarre hin und versuchte einen Song zu schreiben. Das Texten fiel mir allerdings deutlich schwerer als gedacht, zumal es mein erster eigener Song war. Ich suchte nach Sachen, die sich auf Katharina reimen, was sich als ein sichtlich schweres Unterfangen herausstellte. Einige Auszüge aus dem damaligen Lied folgen nun:

Oh Katharina, trinkst du mit mir eine Margarita?
Oh Katharina, fahr doch mit mir nach China.
Oh Katharina, ich schreib´ in Mathe nur Vierer.
Oh Katharina, sei meine prima Ballerina.

Der Titel des Liedes war laut der Kassette, auf der ich es später aufnahm erstaunlicherweise nicht „Katharina“, sondern „10 Autogeräusche, die du noch nicht kanntest“.
Ihr seht nun, ich war wahrlich kein Bob Dylan und der hellste war ich auch damals schon nicht. Aber als 14-jähriger verliebter Knabe denkt man lieber keinmal nach als zumindest einmal. Die musikalische Begleitung war dann doch recht schnell organisiert. Ein paar D-Dur und G-Dur Akkorde und Schlitzer hat sich noch ein paar Drumbeats ausgedacht. Fetti habe ich ans Keyboard verfrachtet und ihn gebeten zu Beginn ein kurzes Orgel-Sample einzuspielen. Aber da es ja gleichzeitig der Talent-Wettbewerb war, wollten wir es nicht nur bei dem Lied belassen, sondern mussten uns natürlich auch eine kleine Show einfallen lassen, um unseren Status an der Schule zu wahren. Es kam also zu besagtem Auftritt. Wir standen irgendwann hinter der Bühne und warteten geduldig auf unseren Auftritt. Die ganze Zeit schaute ich immer kurz hinter dem Vorhang hervor, um zu sehen, ob Katharina auch noch anwesend war. Dann kam von unserem Schulleiter Herr Schmiedel das Signal, dass wir auf die Bühne durften. Herr Schmiedel war in etwa der Typ Mensch, der auch nach einem Lotto-Gewinn am nächsten Tag noch auf Arbeit gehen würde, weil er die Brote schon geschmiert hat. Wir zogen uns also alle Rollkragenpullover von meinem Onkel an und rollten die Kragen über den ganzen Kopf, so dass unsere Gesichter nicht mehr zu erkennen waren. Wir gingen raus und bekamen einen verhaltenen, aber doch warmen Applaus. Ich tastete mich zum Mikrofon vor und sprach: „Guten Tag, wir sind die Band „die Vorhäute“ und möchten dieses Lied einer ganz besonderen Person im Publikum widmen!“. Das Publikum konnte ich in diesem Moment nicht erkennen, doch wir spürten, dass die Stimmung im Raum merklich kippte. Doch davon ließen wir uns nicht beirren und fingen mit unserer Darbietung an. Schon nach ein paar Zeilen Text wurde mir klar, dass das doch kein Heimspiel werden würde, da ich nur leises Gelächter aus dem Publikum vernahm. Circa bei der Hälfte des Liedes merkte ich, wie mich jemand am Arm packte, es war Herr Schmiedel, wie sich später herausstellte. Ich rief noch schnell ins Mikro „die Vorhäute ziehen sich zurück!“ und wir rannten von der Bühne. Der eigentlich Plan war, am Ende des Liedes die Kragen runter zurollen und eben erwähnten Abschied ins Mikro zu sprechen. Rückwirkend betrachtet bin ich Herrn Schmiedel sehr dankbar und möchte mich bei Katharina für diese Qual entschuldigen. Das Glück im Unglück an dieser Sache war allerdings, dass auch unsere Geschichts-Lehrerin mit Vornamen Katharina hieß. Gut, das macht den eigentlichen Sachverhalt kein Stück angenehmer, aber geteiltes Leid ist halbes Leid, oder? Bis heute weiß nur unser Schulleiter wer unter den Rollkragen steckte, was er aber als auch Erpressungsmittel nutzte und wir einmal bei ihm zuhause säckeweise Kartoffeln schälen mussten, aber gut, das ist wieder eine andere Geschichte.
-Richard“
Kalle klappte das Buch zu und schaute durch den Saal. Die Geschichte hat merklich zur Aufheiterung beigetragen, dachte er. Er verließ die Kanzel und übergab das Buch an Harry. Harry ging nun vor und trat ans Mikrofon. „Juten Tach. Ick bin der Harry, och Harald jenannt. Liebe Trauergäste, Frau Korschatke. Ick hab hier och noch ne Jeschichte, die wird besonders ihnen nicht jefallen, Frau Korschatke. Aber ick lese sie trotzdem, denn ick denke, dit hätte unser Richard jewollt jehabt.“

Wie wahrscheinlich die meisten von euch habe ich meine erste Feldforschung zum Thema Liebe an meinen Eltern vornehmen können (ein ehrliches Sorry an alle Waisenkinder. Und an die Kinder, die nach der Geburt weggegeben wurden, wird schon seine Gründe gehabt haben. Von den Abgetriebenen will ich gar nicht erst anfangen). Über meine Kindheit habe ich bisher wenig preisgegeben und das hat auch seine Gründe. Aber fangen wir mal ganz von Vorne an. Meine Eltern haben sich beim Schützenfest in Königs Wusterhausen kennengelernt (kommt man übrigens mit der S46 hin, aber nur alle 20 Minuten, wenn überhaupt). Meine Mutter war zarte 19 Jahre alt und mein Vater 31. Meine Mutter kommt ursprünglich aus Greifswald und ist für ihre Ausbildung nach Ost-Berlin gezogen. Eines nachts ist sie nach einem Saufgelage in eben erwähnter S-Bahnlinie (war früher wahrscheinlich eine andere) eingeschlafen und in Königs Wusterhausen aufgewacht. Sie wurde vom Schaffner aufgeweckt und rausgeschmissen. Also irrte sie ein wenig umher und wurde schließlich von einem, wie sie ihn beschrieb, deutlich älteren, unangenehmen Zeitgenossen aufgegabelt und mit zum Schützenfest genommen. Dieser Typ sollte mein Erzeuger werden. Mein Vater war damals Schützenkönig, was ja oft gleichzusetzen ist mit dem größten Idioten der Ortschaft, doch irgendwie hat er es geschafft, meine Mutter von sich zu überzeugen, was ehrlich gesagt sicherlich keine große Hürde war. Meiner Mutter kann man ein Glas Wasser hinstellen und dann noch ein zweites dazustellen und sagen, dass eins von beiden Geld kostet. Sie würde das Glas nehmen, welches Geld kostet. Jedenfalls haben die beiden wohl kräftig rumgeballert (hatte damals noch eine andere Bedeutung als heute) auf dem Fest und hatten anscheinend doch eine gute Zeit. So wurde aus den beiden nach weiteren Begegnungen, dann auch mal in der Hauptstadt, ein Paar. Irgendwann ist mein Vater dann auch nach Ost-Berlin gezogen und wollte sich ein schönes Leben mit meiner Mutter aufbauen. Er arbeitete als Lackierer und sie machte weiter ihre Ausbildung. Neunzehnhundert-irgendwas wurde ich dann in einem Lichtenberger Krankenhaus in die Welt gekotzt, begleitet von mehrfacher ungewollter Darmentleerung meiner Mutter. Ihr merkt, mir klebte die Scheiße schon sehr früh am Schuh. Mein Vater hat meine Geburt auch noch verpasst, der dumme Arsch, weil er zu dieser Zeit eine kleine Meinungsverschiedenheit mit der Stasi hatte und in Hohenschönhausen eine Weile Zwangs-Urlaub machen musste. Nun war also der kleine Richard da und er sollte über die Jahre erfahren, dass Liebe nicht immer gleich Liebe ist und sich auch häufig in Hass und Abneigung äußern kann (Achtung: mag traurig klingen, aber glaubt mir, es war für alle das Beste). Ich war wahrlich kein einfaches Kind, aber mir wurden auch einige Steine in die Wiege gelegt, wortwörtlich. Meine Kindheitserinnerungen fangen ungefähr im Alter von 4 Jahren an. Meine Eltern stritten oft, sehr oft sogar. Und ich kam schon sehr früh nicht umhin, das Gefühl zu haben, dass ich der Grund dieser andauernden Streitereien sei. Meine Mutter mochte mich glaub ich schon ein bisschen, aber retrospektiv gesehen hätte sich mein Vater das mit der Ehe und Kinder kriegen wohl lieber doch nochmal überlegt. Für ihn war es ein gefühlter Abstieg vom Schützenkönig zum Windelwechsler. Außerdem mochte er Berlin dann doch nicht so und sein Immunsystem hat dann auch noch geschwächelt … ach ja … war nicht so einfach für ihn. Als ich ein bisschen älter wurde und in die Schule kam, habe ich mich gefragt, ob das bei den anderen Familien auch so läuft wie bei uns. Und siehe da, Hass unter Ehepaaren war doch gar nicht sooo selten. Als wir in unserer ersten Unterrichtsstunde aufschreiben sollten, was wir später werden wollen, stand bei drei Kindern der Klasse „kein Scheidungsgrund“ als Antwort. Das hat mich alles sehr beschäftigt damals. Ich dachte mir so, das kann doch keine Liebe sein. Manchmal erzählte ich auch meiner Mutter, was mich so beschäftigte, doch ihre Antworten waren meist recht unbefriedigend. Mamas und Papas streiten sich halt manchmal, das gehört eben dazu. Naja gut, solange man ein gutes Ablass-Ventil hat, mag das stimmen. Mein Vater hat nach den Streitereien mit meiner Mutter zur Beruhigung immer Löcher in die Wand gebohrt, war irgendwie sein Ding. Erst herumschreien, sich richtig zoffen, dann war es kurz still und dann hat er mehrere Löcher in die Wand gebohrt. Da meine Eltern sich wirklich häufig gezankt haben, waren dementsprechend irgendwann ziemlich viele Löcher in den Wänden und der Vermieter musste regelmäßig einen Statiker zu uns schicken. Der wusste auch nicht, was das soll. Deswegen dachte ich auch lange Zeit, dass alle Handwerker schlechte Väter sind und dass Ehe-Krieg staatlich verordnet ist, damit die Arbeitskräfte nicht ausgehen. Das ganze Gebohre hat mich ziemlich genervt als Kind, aber ich hab dann immer so getan, als wäre ich auf einem Rockkonzert und die Verstärker sind halt alle ein bisschen kaputt. Als ich dann in die Pubertät kam und so langsam meinen Körper entdeckte, fand ich die Löcher in der Wand dann doch plötzlich recht interessant … aber gut, das lassen wir an der Stelle lieber, ihr wisst ja, was pubertierende Jungs für ekelhafte Schweine sind, aber hey, immerhin Spachtelmasse gespart.

Meine Mutter ist dann oft rausgegangen, oder hat sich mit mir zu den Nachbarn gesetzt, bis die Bohrerei vorbei war. Meine Mutter ging dann auch irgendwann nur noch abends arbeiten, um meinem Vater aus dem Weg zu gehen.
Mein Eindruck von Beziehungen und Liebe war also nicht der Beste. Mir war schon früh klar, dass ich nicht so enden wollte und dass ich alles anders machen werde, notfalls mit kompletter Beziehungsvermeidung. So kam es, dass sich meine Eltern getrennt haben, als ich 13 Jahre alt war. Mein Vater ist wieder nach Königs Wusterhausen gezogen und wahrscheinlich immer noch Schützenkönig, habe nichts mehr von ihm gehört, seit dem er weg ist. Ich blieb bei meiner Mutter und unsere Beziehung war allerdings auch nachhaltig gestört, was ihr ja auch schon aus meinen Erzählungen mit ihr kennt. Sie wollte immer ein ganz anderes Leben für mich, deshalb hat sie wahrscheinlich auch immer so viel von mir gefordert. Sie wollte wahrscheinlich zumindest einwas richtig machen, aber ich gebe zu, da habe ich ihr einen kräftigen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich weiß auf jeden Fall, wie es nicht laufen soll und wenn man ein kleines Zwischenfazit ziehen möchte, ich habe bisher wenig gravierendes falsch gemacht, aber dafür auch nichts wirklich richtig. Dieses Kapitel sollte Ihnen als Warnung dienen. Überstürzen sie nichts, vögeln sie keine/n Schützenkönig/in und schlafen sie nicht in der S46 ein.
-Richard“
Harry klappte das Buch zu und bedankte sich. Richards Mutter verließ unter Tränen und voller Scham den Saal. „Da is wohl eene mitm falschen Bein uffjestanden, wa?“ rief Harry ihr noch hinterher. Die Stimmung im Saal schien zu kippen und Pastor Siebert erkannte die Zeichen und rief die Gäste nun auf, zum leeren Grab zu gehen, um die Zeremonie zu beenden.
Die Trauergemeinschaft ging zum Friedhof und trat an das Grab. Alle konnten nun Blumen in das Grab werfen. Holger schmiss noch eine seiner sehr von Richard geliebten Buletten rein, was Baron auf den Plan rief, da er seit Tagen nicht gefüttert wurde. Richards Katze sprang in das Grab und aß die Bulette. Kalle und Harry waren die Letzten. Sie griffen in ihre Jackentasche, holten jeder ein Bier heraus, ließen es schön laut floppen und gossen jeder einen halben Liter geschäumtes Glück in das Grab. Pastor Siebert konnte es nicht fassen. Mit der Art der Trauer hatte er noch nicht zu tun.
„Mach et jut Richard, wir hatten ne jute Zeit jehabt!“ sprachen Kalle und Harry. Danach gingen alle zur Trauerfeier und das Grab wurde zugeschüttet. Richard ist nun Geschichte. Doch in unserer Erinnerung wird er Bestand haben.
Richard, du dumme Sau. Danke für deine Weisheit. Wir werden dich nicht vergessen.

Eine Nacht für erfolgreiche Geschäftsmänner.

Episode 18: Temperatur steigt – Laune auch

Die Sonne scheint, damit einhergehend streckt auch das Quecksilber seine kleinen Ärmchen aus und erwacht aus der gebückten Winterhaltung. Für viele Menschen aller Couleur bedeutet das, dass man sich wieder mehr nach draußen begibt und aktiv wird. Das heißt auch, dass meine Feinde wieder da sind, kleine Bälger mit Schoko-Eis verschmierten Fressen und Safari-Hüten. Mir mag das Prinzip nicht so ganz einleuchten, denn meine Faustregel Nummer eins ist weiterhin: Lieber liegend nichts tun, als stehend etwas tun. Ich bin gerade dabei, meine überschüssige Liebe an Baron abzugeben und kraule ihm das kleine Katzenöhrchen und esse dabei ein Schweineöhrchen vom Fleischer. Baron schmatzt synchron, obwohl sein Maul nur mit Luft gefüllt ist. Man kann also doch von Luft und Liebe leben, denke ich mir, als ich den leeren Futternapf sehe. Zur Zeit ist es finanziell mal wieder nicht so rosig, hatte viele Anschaffungen in letzter Zeit. Da wäre zum einen die 30cm Schneekugel von meinem Ausflug zum Urologen in Oranienburg, dann habe ich meine Leidenschaft für Mozartkugeln entdeckt und dann habe ich dummerweise noch ein Abonnement für die National Geographic Kids abgeschlossen, denn so ein Studentenschwein hat mich auf der Straße angesprochen und meinte, ich hätte eine akademische Aura und würde aussehen wie ein kleiner Professor. Davon hab ich mich natürlich beeindrucken lassen, was ich bitter bereue. Vielleicht hatte er den Satz auch noch nicht zu Ende gesprochen und wollte sagen, ich sehe aus wie ein Professor, der mal eine derart krude Theorie aufgestellt hat, so dass er jegliches Ansehen verloren hat, gefeuert wurde und seine Anhänger künftig nur noch im Astro TV-Teletext generieren konnte. Jetzt sitze ich auf den Kosten und weiß eine Menge über Schildkröten. Wenn ich diesen Lulatsch nochmal irgendwann treffe, verbiege ich ihm seine dumme Brille und zerbreche seine Gel-Haare. So ist einiges an Geld draufgegangen und die lokale Wirtschaft will ja auch noch unterstützt werden. Ich habe mich in letzter Zeit mit einigen Geschäftsmodellen beschäftigt, um an Geld zu kommen, aber als meine beste Idee das Verkaufen meines Körpers als Werbefläche war, hab ich auch dieses Projekt erst mal zu den nicht vorhandenen Akten gelegt. Holger hat mich vorgestern jedoch noch auf eine vielleicht zündende Idee gebracht: Airbnb. Da vermietet man wohl Teile seines Wohnraums und bessert so seine Portokasse auf. Holger hat direkt Fotos von meiner Wohnung gemacht, eine Anzeige inseriert und übernimmt gegen eine kleine Verwaltungsgebühr die anfallende Organisation. Angesichts meines hohen Schuldenberges bei ihm, von dem man munkelt, dass Jesus dort die vielfach rezipierte Bergpredigt hielt, bleibt für mich nur ein sehr kleines Stück des Kuchens. Für den heutigen Abend haben sich schon die ersten Gäste angemeldet, ein Pärchen aus Brüssel. Ich habe die Casa del Richard schon etwas aufgehübscht und ein paar Mozartkugeln auf die Kopfkissen gelegt, was allerdings vier Anläufe gebraucht hat, da ich sie jedes Mal gegessen habe, als ich sie hingelegt habe und dann neue hinlegen musste, die ich dann wieder gegessen habe … ich habe ja eingangs meine neue Schwäche erwähnt. Am Abend klingelt es an der Tür und ich begrüße die beiden Gäste, die glücklicherweise sogar ein wenig deutsch sprechen und trage sogar ihr Gepäck rein. Die beiden schauen sich in Ruhe um und erzählen mir, dass sie sehr begeistert sind von dem Berliner Charme, der sich genau in meiner Wohnung widerspiegelt. Ihre Begeisterung für die Wohnung scheint deutlich größer als für meine Person, was ich an ihren vielen genuschelten französischen Nebensätzen ablesen kann, aber ich glaube, solche Leute können sich auch meine Leidenssituation noch schönreden und sehen immer das große Ganze. Ich blühe dennoch plötzlich voll auf und erzähle jede Menge, zum großen Teil ausgedachte, Anekdoten zu den Schmuckstücken und der Geschichte der Wohnung. David Bowie habe hier öfters einen Freund besucht, die Trümmerfrauen waren hier aktiv und so wie so steht das Haus unter Denkmalschutz. Die gelbe Farbe an den Wänden habe ich von einer kleinen Händlerin aus Sizilien und kommt selbstverständlich nicht vom Quarzen in der Bude. Ich fühle mich wie ein Makler, der eine abgeranzte und unrenovierte Wohnung loswerden muss, als mir einfällt, dass ich ja hier wohne und gar nichts loswerden will. Danach zeige ich Ihnen die Schlafgemächer und wir setzen uns noch ein wenig in die Küche, wo ich Ihnen meine Hausmarke anbiete und wir noch ein bisschen plaudern. Mein Trinkverhalten am Tisch zieht das obligatorische „Ihr Deutschen trinkt so viel und schnell“ nach sich, während Jacques und Emily ihren mitgebrachten Rotwein trinken und dazu selbstironisch Gouda-Scheiben mit Zahnstochern essen, die ich ihnen kredenzt habe. Ich will mich heute ausnahmsweise nicht blamieren und teile ihnen mit, dass ich jetzt ins Bett gehen würde. Ich gehe ins Wohnzimmer und mache mir das Sofa neben dem Bett zurecht und ziehe meine Pantoffeln aus, als mir die beiden neugierig-besorgt folgen und sehen, dass ich augenscheinlich geplant habe, mit ihnen im selben Zimmer zu schlafen. Keiner von beiden traut sich recht etwas zu sagen, sondern sie räuspern sich, als hätten sie die halbe Nacht durchgebrochen. Ich frage sie, ob es ein Problem gibt. Emily meint, dass sie nicht gedacht hätten, dass ich nachts auch anwesend bin, beziehungsweise, dass ich wir im selben Zimmer schlafen, das wäre so nicht üblich. Fassungslos frage ich sie, wo ich denn hin soll und dass ich ein armer Schlucker bin, außerdem stand klipp und klar in der Anzeige, dass es nur einen Wohnraum gibt. Sie sollen sich mal nicht so haben, ich schnarche kaum und brauche nur ein bisschen Fernsehen zum einschlafen, das werden sie wohl aushalten. Jacques und Emily hadern mit der Situation, sie sind gar nicht begeistert und wechseln einige verzweifelte Sätze auf französisch, während ich mir schon mal meine Beißschiene für die Nacht bereitlege. Dann spricht mich Jacques an und bietet mir 80 Euro extra pro Nacht, wenn ich außerhalb schlafe. Hm, das klingt recht lukrativ, davon kann ich mir locker ein Hotel leisten und auch ein kleiner flüssiger Snack aus der Minibar passt da noch ins Budget. Ich willige schmunzelnd ein und packe das Nötigste für meinen Ausflug ins Hotel. Wenn man genau hingehört hat, dann konnte man zwei Steine hören, die von ihren Herzen auf den mit Brandlöchern übersäten Teppich fielen. Wer hätte gedacht, dass man aus einer schlechten Persönlichkeit und ungewaschenen Haaren doch noch Kapital schlagen kann. Das ist die Geschäftsidee, auf die ich gewartet habe und die lässt sich sogar noch ausbauen. Man muss es den Gästen menschlich so unangenehm wie möglich machen und gleichzeitig auf ärmlich und kränklich machen und schon kann man Geld verdienen, während man im Hotelbett im Halbschlaf noch ein bisschen an sich rumspielt. Korschatke: 1, alle anderen: 0
Ich verabschiede mich von den beiden und wünsche ihnen eine angenehme Nachtruhe, ich werde definitiv zufrieden ruhen heute Nacht und bastele schon mal an neuen Geschichten, warum es sich definitiv lohnt, einen Aufpreis für eine Nacht in meiner Wohnung zu bezahlen.

-Richard

Ein Ratgeber von Richard Pflaume

Episode 17: Nur die Liebe zählt

Hallo. Mensch du, bin ich aufgeregt, denn ich habe heute Abend eine romantische Verabredung, ein Date sozusagen. Die Sache wurde mir quasi von Holger vermittelt, er hat eine Cousine, von der er immer nur in den tiefsten Tönen schwärmt. Sie ist wohl neulich in die Gegend gezogen, nach dem sie sich von ihrem Mann getrennt hat. Ich habe sie tatsächlich noch nie gesehen und Holger meinte, das wäre auch gut so und sie würde wunderbar zu mir passen, da sie sich nach der Trennung wohl sehr einsam fühlt. Nachdem ich mich in letzter Zeit auch des öfteren über die hiesige Damenwelt echauffiert habe, hat Holger mir ein Blind-Date mit Marianne verschafft. Ich meine, was habe ich denn zu verlieren? Ich bin schon so lange alleine, dass man bei mir inzwischen von einem Alt-Gesellen reden muss und wenn mich noch einmal jemand fragt, wann es denn bei mir mit der Familienplanung losgeht, dann beiß´ ich die Person, wirklich. Aber ich sollte das Ganze auch nicht zu verkrampft angehen, denn auf Druck funktioniert so was nie. Holger hat gesagt, dass ich Marianne heute Abend abholen solle und ich für die Ausgestaltung des Abends verantwortlich bin und mir mal was schönes überlegen soll. Jetzt stecke ich also gerade in den Vorbereitungen, um Marianne einen Ausflug zu verschaffen, den sie so schnell nicht vergessen wird, alles auf Richard. Heute werden die ganz großen Geschütze aufgefahren. Wenn ihr wollt, dann seht das Ganze als einen Ratgeber für einsamen Seelen und wie ihr die Person eures Herzens erobern könnt, entwickelt von Richard Pflaume. Schritt 1: Die richtige Garderobe. Das passende Outfit ist essentiell für den ersten Eindruck, um seriös zu wirken empfehle ich einen Anzug. Man muss natürlich keine Unsummen an Geld investieren, sondern kann auch einfach zufällig den Anzug im Keller finden, in dem Onkel Kurt gestorben ist. Ein mal gewaschen und durchgelüftet und schon sieht man aus wie ein italienischer Designer. Gestatten: Ricardo Korciattini, Mode für den modernen Sparer. Für Lackschuhe hat mein Budget leider nicht gereicht, aber ich hatte noch schwarzen  Lack zuhause und habe meine Turnschuhe damit eingestrichen und nun glänzen sie wie Harrys Glatze. Die Haare habe ich mir auch fein gemacht und stehe nun vor dem Spiegel. Okay, meine Augenringe interpretiere ich einfach mal als Zeichen der Weisheit, mein Doppelkinn suggeriert Wohlstand und mein Drei-Tage-Bart hebt deutlich hervor, dass ich nicht mehr in der Pubertät bin, zumindest rein äußerlich. Somit wäre Schritt 1 abgeschlossen. Auf geht´s zu Schritt 2: das Date. Hierfür wird eine große Bandbreite an kognitiven Fähigkeiten, logistischem Geschick und Multi-Tasking vorausgesetzt. Aber dazu gleich mehr, denn ein doch nicht unwesentlicher Teil, um das Date überhaupt durchführen zu können, ist eine Begleitung. Ich mache mich also auf den Weg zu Marianne. Jetzt ist also der Moment gekommen, wo wir uns das erst mal begegnen, ein zukunftsweisender Moment. Vor ihrer Wohnung werde ich von einem Schweißausbruch überrascht und nehme einen Schluck aus meinem Flachmann, um mich etwas aufzulockern, denn ich bin mächtig nervös. Ich fasse meinen ganzen Mut zusammen und klingel. Marianne antwortet, ihre Stimme klingt leicht untersetzt, aber wir wollen mal nicht so großzügig sein mit den Vorurteilen. Sie sagt, dass sie gleich runterkommt. Geduldig warte ich unten und reiße noch schnell ein paar Blumen aus dem angrenzenden Garten und gehe wieder zur Tür. Marianne kommt raus und siehe da, es gibt noch mehr Menschen außer mir, die ihre besten Jahre schon hinter sich haben. „Du bist also Richard? Na herzlichen Glückwunsch …“ begrüßt sie mich. „Jawohl, das Kompliment kann ich nur zurückgeben.“ antworte ich. „Na was soll´s, machen wir das Beste daraus.“ sagt Marianne. „Ich habe eine Menge geplant, lass dich mal überraschen.“
Ich übergebe ihr die Blumen, doch ihre Freude hält sich sichtbar in Grenzen. Sie riecht an den Blumen und verzieht sofort ihr Gesicht. „Boarr iieehhh, da ist ja Hundescheiße dran.“ „Also das ist ja die Höhe, diesem Blumenverkäufer …, dem werde ich was flüstern, der kann sich frisch machen, dem werde ich die Limetten lesen!“ Ich reiße ihr die Blumen aus der Hand und schmeiße sie schnell weg. Okay, das war schon mal ein Reinfall, oder Durchfall besser gesagt. Aber von kleinen Rückschlägen lasse ich mich nicht beeindrucken. Marianne fragt, was wir denn so machen und ich sage ihr, dass sie sich überraschen lassen soll. Station 1 des Abends ist ein schickes Essen. Marianne hat Lust auf indisch und wir suchen ein geeignetes Restaurant. Bald haben wir eins gefunden und werden freundlich empfangen und zu Tisch gebeten. Ich muss ja ehrlich sagen, ich hasse indisch. Ich vertrage das Essen einfach nicht, aber irgendwas wird schon dabei sein. Als wir so am Tisch sitzen herrscht unangenehme Stille und wir beide sind heilfroh, als die Kellnerin mit den Speisekarten kommt. Marianne steckt ihre Nase sofort in die Karte. Als ich mal so die Preise überfliege wird mir reichlich schlecht. Ich möchte ihr natürlich was bieten, aber wenn ich jetzt mein ganzes Geld hier lasse, dann ist Monatsende schon am Monatsanfang. Ich entschuldige mich kurz bei ihr und gehe zur Kellnerin. „Entschuldigung, ich habe heute ein Blind-Date und es läuft suuuuper, ich bin allerdings etwas knapp bei Kasse und wollte sie fragen, ob es möglich ist, dass sie die Rechnung am Ende getrennt machen und wortlos jeweils an unsere Plätze legen?“ frage ich, woraufhin die Kellnerin sichtlich verwundert in meine Augen schaut, aber schließlich einwilligt. Ich gehe wieder zu Marianne und wir beide bestellen unser Essen. Inzwischen sind wir schon bei einem bisschen Smalltalk angekommen und sie fragt mich nach meinen Hobbys. Ich versuche es heute mal auf die ganz kultivierte Art. „Meine Hobbys sind Waldspaziergänge und Küsse im Regen, ja … und ab und zu ein gutes Buch lesen.“ erzähle ich ihr. Marianne scheint sichtlich bedient und kauft mir mein Getue nicht ab. „Erzähl kein Scheiß, jetzt sei mal ehrlich, das mag ich nämlich an Männern.“ sagt sie. Okay, kann sie haben. „Na gut, ich gehe gern in Kneipen und zu deinem Cousin und ansonsten schaue ich gern fern, mach ab und zu meine Wäsche, gehe einkaufen und Rauchen ist eine große Leidenschaft von mir.“ führe ich aus. Gut, jetzt ist sie desillusioniert, bereut ihre Aussage von eben und schaut ungeduldig in Richtung Küche und sehnt sich nach dem Essen, welches auch bald kommt. Ich stochere unzufrieden in meinem scharfen Curry herum und auch bei Marianne ist die Stimmung in etwa so gut wie bei einer Kläranlageneröffnung. Ich habe die Hälfte meiner Speise gegessen und merke zunehmend, wie es mir im Magen alles umdreht, ich vertrage einfach kein indisch. Ich versuche mich zusammenzureißen, muss mich aber bald entschuldigen, um die Toilette aufzusuchen. Ich bekomme schlimme Schweißausbrüche auf der Toilette und werde von schlimmen Flatulenzen heimgesucht. Das war keine gute Idee, merke ich und hätte mich lieber für einen Salat entscheiden sollen. Als ich denke, dass ich mich wieder einbekommen habe, gehe ich wieder zurück zu Marianne. Sie sieht, dass es mir nicht gut geht und fragt, was los ist. Ich will ihr gerade erklären was los ist, da kommt es zu einem mittelschweren Missgeschick. Eine Flatulenz kommt selten allein, und ich blamiere mich fürchterlich, während uns das ganze Restaurant anschaut. „Kleine Magenverstimmung, sorry!“ entschuldige ich mich beim Rest der anwesenden Gäste. Ich setzte mich wieder hin und gebe der Kellnerin das Zeichen, dass wir zahlen möchten. Als ich mich unbeobachtet fühle, wandert mein Griff in meine Jackentasche, aus der ich einen Mottenflügel ziehe und schnell in das Essen werfe. Als die Kellnerin mit den getrennten Rechnungen kommt, mache ich eine Riesenaufstand und beschwere mich über das Essen und zeige ihr die Reste von Onkel Kurts altem Weggefährten. „Also das zahle ich nicht, hier bekommt man ja ne Vergiftung!“ schnauze ich die Kellnerin an, welche gar nicht weiß wie ihr geschieht. Auch Marianne ist verdutzt, während ich aufstehe und mich Richtung Ausgang bewege und aus meinem peripheren Blickwinkel das weitere Geschehen beobachte. Marianne zahlt ihr Essen selbst, mein Plan ist voll aufgegangen. Sie entschuldigt sich bei der Kellnerin und folgt mir nach draußen. „War doch ganz nett oder?“ frage ich sie, als wir wieder draußen sind. Marianne ringt nach Worten, schüttelt den Kopf und wendet sich von mir ab. „Na komm, der Abend ist ja noch nicht vorbei. Jetzt geht es über zum nächsten Teil.“ Ich nehme ihre Hand und sage ihr, dass ich noch eine Überraschung für sie habe. Wir fahren einmal quer durch die halbe Stadt und kommen irgendwann in Kreuzberg an. Marianne ist so dermaßen genervt von dem ganzen umsteigen mit der Bahn und dem kalten Wetter, während ich sie weiter mitschleife. „Ach Mensch, Richard, was soll denn das Ganze? Wir sind schon ewig unterwegs!“ „Jetzt warte doch mal ab, wir sind gleich da!“ Noch einmal biegen wir um die Ecke und schon sind wir am Ziel. „So, da sind wir. Und? Wie gefällt´s dir?“ frage ich neugierig. „Was soll denn hier sein?“ fragt Marianne. „Schau doch mal da oben, das Straßenschild!“ ich zeige nach oben und auch Marianne sieht es. „Mariannenstraße. Aha … toll. Wie schön, ich bin wahrscheinlich der erste Mensch, der den gleichen Namen wie eine Straße hat.“ sagt sie. „Ja oder??? Das habe ich alles nur für dich gemacht, liebe Marianne!“ sage ich voller Freude über die gelungene Überraschung. „Na hoffentlich hast du dir bei der ganzen Vorbereitung keinen Hexenschuss geholt. Ich will jetzt nach Hause“ antwortet sie patzig. Also dieser Frau kann man auch nichts recht machen. Da macht man und organisiert und zerbricht sich den Kopf und dann so was, Frechheit. Wir gehen wieder zurück zur Bahn. Wir stehen vorne am Gleis und warten stillschweigend auf die U-Bahn. Die Bahn fährt nach ein paar Minuten ein und ich klopfe an der Fahrertür. Ein genervter BVG-Mitarbeiter macht das Fenster auf. „Hier, fahren Sie die junge Frau mal schön zum Nollendorfplatz.“ sage ich ihm. „Meinetwegen.“ antwortet er genervt und macht das Fenster wieder zu. „So Marianne, dein Taxi ist da. War ein sehr … naja … war ein Abend ne?“ „Bringst mich nicht nach Hause?“ fragt sie mich. „Nee du, meine Katze macht sonst wieder Terror, wenn ich immer so spät nach Hause komme und wir haben uns gerade erst wieder vertragen.“ erkläre ich ihr. „Zurückbleiben bitte!“ schallt es durch den Bahnhof, als das Signal der Tür leuchtet und ich Marianne noch schnell in die sich schließende Tür schubse, dabei bleibt sie ungünstig mit ihren Füßen hängen, fällt nach hinten und lässt ihre Tasche fallen, welche draußen liegen bleibt und der Zug fährt weg. Na schöne Scheiße, jetzt muss ich nächste Woche auch noch zum Fundbüro …
Schritt 3: Nie wieder darüber reden.

-Richard

Ein Tag, um wieder draußen zu sein.

Episode 16: Das große Erwachen
Ich sitze in meinem Sessel und schlummere immer noch im Herbstkoma, als mich ein Traum aufschrecken lässt, huch! Ich hab furchtbar geträumt in letzter Zeit, sensorische Deprivation wirkt sich nicht so gut auf meine Psyche aus, was fatal wird, wenn die eigene Wahrnehmung einem suggeriert, dass die Charaktere aus GZSZ tatsächlich deine besten Freunde sind. Aber was die ständig für einen Zank und Zoff haben, da möchtest du nun wirklich nicht drinstecken. Wie ein neugeborenes Rehkitz blinzele ich scheu und reibe mir die inzwischen latent gelben Augen. Ich stehe auf, wobei jedes Gelenk einmal kräftig knackt. Ich gehe zum Fenster, öffne Vorhang und Fenster, der Vambier präsentiert sich wieder. Was für ein schöner Tag da draußen, wundere ich mich. Der Herbst zeigt sich mit all seiner Güte und beschert uns Temperaturen, die es zulassen, die Füße vor die Tür zu setzen. Ich war relativ wenig draußen in letzter Zeit und möchte mir anschauen, was so aus der Welt geworden ist. Ich starte eine kleine Telefon-Lawine, um die Crew zusammen zu trommeln. Treffpunkt bei Holger, der Plan: Lodenschau auf dem Saufsteg, die neuesten Trends untersuchen, vielleicht kann man von der Jugend ja noch was lernen. Mummelig eingepackt gehe ich zu Holger. Der Pöbel ist schon vor Ort und erfreut sich an braun-trüben Glasflaschen, gefüllt mit isotonischer Flüssigkeit. Mal schauen was sich heute so vor dem Mett-Walk, wie Holger´s Laden neuerdings heißt, präsentiert. Ich hab die Genossen alle lange nicht gesehen und begrüße sie mit juveniler Freude. Ich beauftrage Holger, der sich ebenfalls über die nicht-solvente Kundschaft freut, mir erst mal ein paar feine Buletten in die Pfanne zu schmeißen. Kalle und Harry haben schon gegessen, ersterer davon in letzter Zeit wohl etwas zu viel. Kalle hat sich einen ordentlichen Winterspeck angefressen, der sich vor allem auf seinen Bauch und seinen Hals auswirkt, na gut, Hals kann es fast nicht mehr nennen, eher eine Wulst. Als wir ihn auf sein dezentes Übergewicht ansprechen, macht er seine Jacke auf, zieht das T-Shirt hoch und schüttelt seinen Bauch. Dabei singt er „Seht euch mal die Wampe an, wie die Wampe tanzen kann!“ und lacht dabei herzhaft. Ich kann mich nicht entscheiden zwischen einem beschämten Lachen und einem betretenen Kopfschütteln, so geht es auch den vorbeilaufenden Leuten. Kalle ist so ein Mensch, an dessen Freundschaft man durchaus berechtigte Zweifel hegen kann. Meine Buletten sind inzwischen auch schon fertig und meine Magen ist auch schon am knurren. Ich beiße beherzt und voller Vorfreude hinein, doch die anfängliche Euphorie wird schnell von einem Ekel-Gefühl vertrieben. „Sag mal Holger, haste die mit Ohrenschmalz angebraten oder was?“ frage ich ihn. „Neue Gewürzmischung, ist noch in der Testphase.“ erklärt er. „Dafür zahl ich nicht, dir müssten sie mal das Gesundheitsamt vorbei schicken du Pfuscher!“ drohe ich ihm. „Erstens zahlst du doch so oder so nicht, dein Deckel ist inzwischen länger als Martin Luther´s Thesen, und zweitens kannste dir ja dann gern nen neuen Laden suchen, wo man dich und deine nicht vorhandene Körperhygiene erträgt.“ kontert er. Ich werde schnell recht kleinlaut und muss mir eingestehen, dass er da doch ein paar sehr sehr gute und überzeugende Punkte angebracht hat. Leise vor mich hinmeckernd esse ich meine Bulette auf und wende mich dann der Straße zu, denn Kalle´s Wehklagen interessieren mich schon wieder so gar nicht, Oma Dagmar braucht ein neues Hüftgelenk und eine neue Niere. Die Frau ist 104, lasst sie doch Mal in Ruhe. Ich lasse meine Blicke über den Platz schweifen, vor dem Reformhaus stehen die Zeugen Jehovas, die wirken so apathisch, dass man wahrscheinlich nicht mal den Unterschied merken würde, wenn die da einfach nur ein paar Puppen hinstellen würden und denen ein paar Flyer in die Hand drückt. Die Zahl der Interessenten würde vermutlich auch weiterhin stagnieren. Eine Gruppe junger Männer läuft an uns vorbei, die man auch als Vierlinge betrachten könnte und einer von ihnen teilt stolz und lautstark mit, dass er heute eine Ausstellungseröffnung mit Sektempfang hat. Sag das mal nur nicht zu laut Sportsfreund, wenn das die Falschen hören … dann wird aus einer Eröffnung auch mal ganz schnell eine Schließung. Aber ich glaube ich werde heute Gnade vor Recht walten lassen, da ich so gut gelaunt bin. Frisurentechnisch scheint sich in den letzten Wochen aber nicht viel geändert zu haben, kleidungstechnisch auch nicht, allerdings scheint es wohl gar nicht so unüblich zu sein, dass Menschen ihre Bettdecke auch als Schal benutzen, sollte ich auch mal versuchen. Alles in allem muss ich ja sagen, dass wir vor dem Imbiss nach wie vor das größte Unterhaltungspotenzial besitzen und alle gar nicht so spannend sind wie sie tun, was nicht heißen soll, dass ich nicht nach wie vor sehr amüsiert darüber bin, wenn einem Bio-Company-Fatzke die Chiasamen aus dem Fahrradkorb fallen und Carl David Theodor von Mutter Dörte eine gescheuert bekommt, weil ihm die Jack Wolfskin Jacke bei einer kleinen Schulhof-Beulerei gerissen ist.
Ach wie ist das schön wieder draußen zu sein. Der Winter klopft zwar schon an die Türe, aber auch das steht man durch, Weihnachtsmärkte gibt´s dann ja auch bald, O du fröhliche! Wir sehen uns!

-Richard

Ein Tag für Herbstmenschen.

Episode 15,5: Kuschel-Richard

Als ich eben gesehen habe, wie lange ich schon nichts mehr veröffentlicht habe, konnte ich mir nicht mehr abringen als ein leichtes Schulterzucken. Is so, ne? Kannste nix machen, steckste oft nicht drin. Ich hab viel gelegen in letzter Zeit, viel geschaut, viel am Fenster gemacht. Ist ja nun auch bald Winter, ne? Angestrengt gehe ich zum Fenster, guck mal kurz nach rechts und links, immer noch die gleiche Scheiße, Baustelle von früh bis spät. Die ganze Straße ham se aufgerissen, die Arschlöcher, keine Ruhe mehr hier. Mittlerweile sinkt das Thermometer zwar schon auf unter 10 Grad (Celsius wohlgemerkt), die Bauarbeiter halten allerdings an ihrem körperbetonten Kleidungsstil fest und zeigen reichlich Dekolleté. Kondenswasser läuft mir an die Socken, während ich lustlos an die Heizung klopfe, war auch schon mal wärmer, der Scheiß. Kannste eh nicht mehr viel raus jetzt bei dem Wetter, holst du dir alles weg, nee nee, da mach ich nicht mit. Ich setze mich wieder aufs Sofa, wickele die Pferdedecke um meine Beine, die langsam vom Muskelabbau betroffen sind. Mit beiden Händen halte ich bedächtig mein Bier und flöße mir schlürfend einen Schluck Saft ein, aaahhhh. Nun noch ein gutes Buch dazu und eine Tabak-Kerze, und fertig ist der perfekte Hartz-Nachmittag. Da wollen wir doch mal ein bisschen im Fernseh-Magazin schmökern. Ich lecke meinen Finger an, so wie das Menschen meiner Generation machen und reiße beim Umblättern direkt die erste Seite raus. Mein Finger klebte zu fest, schöne Scheiße. Baron liegt neben mir und schaut kurz hoch, als ich die Zeitung vor Wut wegschmeiße, sein Interesse zur Lösung der Situation beizutragen hält sich allerdings auch in Grenzen. Ein Seufzer hallt durch meine nikotingefärbten 4 Wände. Naja, auch dieser Ärger vergeht, der nächste kommt bestimmt. Ich gehe tief in mich und überlege. Ja, was überlege ich eigentlich? Während ich überlege, was ich gerade überlege, muss ich gähnen. Fast die sechste Stunde vorbei, verrät mir der 3 Sat-Teletext, draußen wird´s schon düster, huuuschalla. Viel wird heute nicht mehr passieren, ist aber auch ok so, zu dieser Jahreszeit steht so einiges still. Ich klammer mich da gar nicht aus und entscheide mich bewusst, erst mal Kraft zu tanken. Das nächste Abenteuer kommt bestimmt.

-Richard

Ein Tag voller Missgeschicke.

Episode 15: Freud und Leid. Wobei … eher nur Leid.

Ich hab solche schlimmen Nackenschmerzen, ich kann meinen Kopf kaum noch drehen. Heute Morgen habe ich mir beim Versuch, Kleingeld unter der Waschmaschine hervorzuholen, den Nacken ungünstig verdreht und Ruck Zuck hat eine Nackenstarre eingesetzt, als ich meinen Kopf vor Schreck drehen wollte. Mein Kopf hing schief auf meinen Körper, da bin ich panisch aufgesprungen und habe mir zu allem Übel dabei noch den Kopf am Regal gestoßen, was ein wohnungsinternes Erdbeben auslöste und das schöne Meißner Porzellan von Oma Rosi in meine Richtung beförderte. Wie in Zeitlupe sah ich, dass die Teller und Tassen Opfer der Erdanziehungskraft wurden. Ich stand da mit meinem Kopf im seitlichen 45 Grad Winkel und ließ es einfach geschehen. Ich wehrte mich nicht mal dagegen, da ich wusste, dass ein weiteres Eingreifen meinerseits die Situation wohl nur noch verschlimmern würde. Während ein Erbstück nach dem anderen auf dem Boden zerschellte, setzte ich mich auf den Küchenstuhl und ließ die Situation erst einmal auf mich wirken. Nach ein paar Sekunden hatte sich auch das letzte Utensil aus dem Schrank verabschiedet, manche haben mir sogar noch im Fall hilfesuchend zugewunken, wollte auch nicht unhöflich sein und habe freundlich zurückgewunken. Ich kann leider auch nix tun Freunde, entschuldigte ich mich gedanklich. Tja, was fängt man damit an? Ressourcenorientiert wie ich bin, habe ich überlegt, was man aus einem steifen Hals und einem Haufen Scherben machen kann, Spoiler-Alarm: mir ist nichts Konkretes eingefallen, außer auf den Schreck erst mal eine Flasche Bier aufzumachen, wobei mir die Hälfte des Bieres aufgrund der Halsneigung wieder aus dem Mund floss. Die Scherben habe ich erst mal so liegen lassen, man kann ja nie wissen, was für Geistesblitze einem noch so kommen. Mein Halsproblem war natürlich noch eine ganz andere Baustelle. Ein weinerlicher Anruf bei Mama endete mit dem Rat, mir eine Halskrause zu beschaffen. So was habe ich natürlich nicht zuhause und zum Arzt wollte ich auch nicht schon wieder, aber da kann man ja sicher improvisieren. Mein Plan ist es, in den Haushaltswaren- und Freizeitladen um die Ecke zu gehen, aber dazu brauche ich besagtes Geld, welches unter der Waschmaschine liegt. Jetzt könnte es sich mal auszahlen, eine Katze zu haben. Barons Trockenfutter schütte ich unter Schmerzen auf den Fußboden und schiebe es mit meinen Pantoffeln weit unter die Waschmaschine, in der Hoffnung, dass er es mit seinen grazilen Pfoten unter der Waschmaschine hervorholt und dabei das Kleingeld mit erwischt. Gesagt, getan, schon bald liegen ein paar Münzen auf dem Fußboden. Baron ist zumindest auch kurzzeitig glücklich, sein Essen ist allerdings voll mit Fusseln und Haaren, sodass er das Essen nach einiger Zeit in Form eines Gewölls wieder herausbricht. Schöne Schweinerei, aber darum kümmere ich mich später, oder morgen, oder nächste Woche. Jetzt muss ich mich erst mal um meine Gesundheit kümmern. Mit schiefem Kopf mache ich mich auf den Weg und komme nach einigen verwirrten Blicken der Leute auf der Straße in dem Geschäft an. Ich schaue mich erst einmal gewissenhaft um, auf der Suche nach einem adäquaten Halskrausen-Ersatz. Die Verkäuferin kommt bald zu mir und fragt, ob sie helfen kann. Ich erzähle ihr von meinem Problem, woraufhin sie meint, dass ich da vielleicht bei der falschen Adresse bin und ich besser jemanden mit medizinischer Expertise aufsuchen sollte. Ich suche alleine weiter, da ich hier wohl nicht auf qualifizierte Hilfe zählen kann. Es gestaltet sich wirklich schwieriger als gedacht, doch dann stolpere ich in die Bade- und Schwimmabteilung und mir fallen direkt die Kinderschwimmringe auf. Bin ich da etwa auf Gold gestoßen? Ich rufe die Verkäuferin herbei und bitte sie, mir die Baby-Schwimmringe auszupacken und mir doch freundlicherweise einmal aufzublasen. „Also ich weiß nicht so recht, eigentlich dürfen wir die Sachen nicht einfach so öffnen.“ stammelt sie hilflos. „Kommen Sie schon, oder wollen Sie etwa wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht gezogen werden? Ich kenn da Leute, die sind knallhart bei so was.“ drohe ich ihr. Geradezu genötigt packt sie die Schwimmringe aus und bläst sie keuchend auf, wobei ihr wohl leicht schwindlig wird und ihr fast ein ähnliches Malheur passiert, wie mir mit meinem Regal. „Hey, Vorsicht da mit dem Regal!“ schreie ich sie an, als sie kurz davor ist, das Schreibwarenregal auf eher unsanfte Weise zu bewegen, aber nochmal gut gegangen, dank meines reflexartigen Notrufes. Arbeitsunfälle gilt es zu vermeiden, meinte schon ein ehemaliger, kurzzeitiger Chef von mir, als ich bei meinem Probetag in einem Malerbetrieb einen Eimer Farbe auf dem Boden neben der Leiter verschüttete und als Sicherheitsmaßnahme lediglich eine Zeitung über der Farbpfütze ausbreitete. Aus dem Auge, aus dem Sinn, dachte ich damals, aber wie ich hörte hat mein damaliger Kollege Ronny die Reha gut gemeistert. Die nette Verkäuferin hat mir inzwischen drei verschiedene Modelle aufgeblasen und nun geht es zur Anprobe, also ziehe ich die Schwimmringe über meinen Kopf. Der zweite Schwimmring passt am besten, hat allerdings auch Delfine drauf, die aussehen als wären sie frisch am Strand verendet, kostet aber auch bloß 1 Mark 99 und hier geht es ja nicht um einen Schönheitswettbewerb. Vom Tragekomfort her steht das einer Halskrause in nichts nach. „Ja, den behalt´ ich gleich an!“ sage ich zur sichtlich erschöpften und taumelnden Verkäuferin und begebe mich an die Kasse. Ich kratze mein ganzes restliches Geld zusammen und komme auf genau 2 Mark. „Hier meine Gute, vom Rest kaufste dir nach Feierabend mal ein schönes Eis.“ Ich verlasse den Laden mit dem Schwimmring um den Hals und gehe wieder nach Hause. Auf dem Weg treffe ich erneut auf allerlei komische Menschen, die mich suspekt anschauen. „NOCH NIE JEMAND KRANKES GESEHEN ODER WAS?“ schreie ich eine ältere Dame an, die so dreist ist, extra neben mir mit ihren Krücken stehenzubleiben und mich kopfschüttelnd mit ihrem einzig verbliebenen Auge mustert. Zuhause angekommen verschreibe ich mir erst mal Ruhe und setze mich mit meinem erweiterten Körperteil (mein Doppelkinn ist zum Dreifachkinn geworden) auf das Sofa und schalte erst mal den Fernseher an. Es ist durchaus schwierig sich damit hinzulegen, aber ich kann ja auch einfach sitzen. Nachdem ich eine halbwegs akzeptable Position gefunden habe und ich das Nachmittagsprogramm im Fernseher genieße, zünde ich mir noch eine feine Zigarette an. Auf halber Strecke der Zigarette nehme ich ein leises Zischen wahr und merke, wie sich mein Kopf langsam nach hinten bewegt. Was ist da denn schon wieder los, mein Schwimmring verliert Luft! Ich nehme das Teil ab und sehe recht schnell, dass sich ein Stück Glut der Zigarette in den Schwimmring eingebrannt hat, ein Loch hinterlassen hat und er deswegen Luft verliert. Das ist doch nicht die Möglichkeit … die Luft aus dem Ring ist raus, bei mir ist die Luft definitiv auch raus. Ich schaue auf den Warnhinweis auf der Zigarettenschachtel: Wenn Sie rauchen, schaden Sie Ihren Kindern, Ihrer Familie, Ihren Freunden. Schön wär´s …

-Richard

Ein schmerzhafter Tag.

Episode 14: Plombenstimmung

„Wetten, dass ich 2 Bier gleichzeitig mit den Zähnen aufmachen kann? Denn ich bin ein Vambier, harhar!“ Dieser Satz ist von allen Sätzen, die ich am vorgestrigen Abend gesprochen habe, der vermutlich suboptimalste gewesen. Konter-Veit und Kalle waren vorgestern zu Besuch, um einen Disney-Filmabend zu zelebrieren. Wir haben geheult wie die Schlosshunde und mussten den Flüssigkeitsverlust natürlich irgendwie ausgleichen. Wie inzwischen gemeinhin bekannt ist, passieren dabei in regelmäßigen Abständen übermäßige Malheure. Bier mit dem Feuerzeug zu öffnen wurde uns irgendwann zu langweilig, deswegen haben wir beschlossen, unseren Forschungsdurst zu stillen und Experimente an unseren Körpern durchzuführen (natürlich unter Einhaltung wissenschaftlicher Standards und strenger Kontrollmechanismen). Die Kontrollgruppe, bestehend aus Konter-Veit, Kalle und meiner Wenigkeit, durfte nur noch mit dem Körper Bier öffnen. Konter-Veit hatte es unter Blutverlust geschafft, ein Bier mit der bloßen Hand zu öffnen. Kalle wollte es mittels telepathischer Kraft schaffen, musste aber relativ schnell resignieren. Er beschwerte sich allerdings anschließend, dass der Versuchsaufbau auch nicht korrekt gewesen wäre, da er es normalerweise nur hinbekommt, wenn er alleine ist. Ich wählte die altbewährte Variante und nahm meine Kauleiste, funktionierte prächtig. Um ganz groß dazustehen, sprach ich eingangs erwähnten Satz und erhöhte die Anzahl der Versuchsutensilien. Gespannt beobachteten mich die weiteren Studienteilnehmer, während ich den Versuch startete. Rechts hat es geklappt, doch links gab es ein Splittergeräusch und ein leichtes Knacken, oh weia, da hat wohl was nachgegeben. „Uuuuhhhh!“ hallte es durch den Raum von den Zuschauern, als ich realisierte, dass ich da gerade ganz großen Quatsch veranstaltet hatte. Ich fischte ein paar Zahnbrocken aus meinem Mund und verspürte alsbald einen recht unangenehmen Schmerz im Zahn. Ich schaute mir das Spektakel im Spiegel an, als schon Kalle kam, der sich zuvor als ärztliche Aufsicht zur Verfügung gestellt hatte und mir den Mund aufriss. „Das müssen wa desinfizieren und betäuben.“ gab er fachmännisch zu Protokoll und reichte mir mein geöffnetes Bier. Das wird schon wieder, dachte ich mir und wir setzten den Abend fort. Bevor wir ins Bett gingen, packte ich die Zahnreste in eine Schachtel und legte sie unter mein Kopfkissen, in der Hoffnung, dass die gute Zahnfee in der Nacht kommen würde. Stattdessen wachte ich am nächsten Tag stark verkatert auf und neben mir lag ein stinkendes Etwas, welches mit einem angerissenen Bier ins Bett gegangen ist und alles vollgesaut hat, Kalle. Die gute Zahnfee kann ich damit offiziell als ein bewusst in die Irre führendes Kindermärchen zu den Akten legen. Die Schmerzen waren auch am nächsten Morgen noch da und ich konnte kaum essen. Baron von Scheißhausen hatte solches Mitleid mit mir, dass er schon anfing, mein Essen für mich vorzukauen und dann wieder auf den Teller zu spucken, war jetzt aber auch kein Dauerzustand so, fand ich. Ich quälte mich so durch den Tag, als ich feststellen musste, dass ich wohl um einen Zahnarztbesuch nicht herum komme. Zum Zahnarzt geh ich normalerweise einmal im Quartal, also alle 25 Jahre. Das liegt zum einen oft am Wetter, dann aber auch häufig an Zeitgründen. Heute ist es aber soweit und ich muss mal eine Ausnahme machen, denn die Schmerzen sind zu groß. In den gelben Seiten suche ich mir die erstbeste Zahnärztin heraus und schlappe hin zu der Adresse. Angekommen in der Praxis gehe ich zum Empfang. „Hallo, ich bräuchte schnell Hilfe, mir ist da was rausgebrochen und ich habe große Schmerzen!“ sage ich zur Empfangsassistentin. „SCHIPKARTE BRAUCHEN WA!“ brüllt es mir entgegen und ich erschrecke fürchterlich ob der furchtbaren Lautstärke. Ich gebe ihr meine Karte, sie schaut sie sich kritisch an, danach grinst sie hämisch. „Dit Foto ham se wohl zum Schulanfang jemacht, wa?“ Also das ist ja wirklich eine bodenlose Frechheit, so was muss ich mir nicht anhören. Ich stehe hier mit furchtbaren Schmerzen und muss mich dabei noch von Bockwurst Berta beleidigen lassen. Nach der Abfertigung schickt sie mich ins Wartezimmer, welches recht voll ist. Größtenteils besteht die Kundschaft aus Familien mit Kindern, die wahrscheinlich ihre wertvollen Sojamilchzähne verloren haben, grausam. Die Wartezeit fühlt sich wie eine Ewigkeit an und ich blättere gelangweilt in der Apothekenumschau von 1999. Generell macht diese Praxis nicht den seriösesten Eindruck. Nach 2 endlosen Stunden wird endlich der gute alte Korschatke aufgerufen. Ich gehe in das Behandlungszimmer und werde auf den elektrischen Stuhl gebeten. Ich erzähle der Ärztin von meinem Missgeschick und sie schaut sich das Ganze mit allerlei Instrumenten an. „Oh ja, da sehe ich´s schon. Ui, da ist ja einiges an Karies drunter, daher kommen auch die Schmerzen. Das müssen wir noch zurecht bohren und dann muss eine Plombe, also Füllung, drauf.“ erklärt mir die Ärztin. Na klasse, ich habe Kari-yes-yes-yes, damit hatte ich absolut nicht gerechnet. „Darf ich Sie was fragen Frau Doktor, wird bei einer solchen Behandlung nicht ein Plombenalarm ausgelöst?“ frage ich erwartungsvoll grinsend. Die Ärztin seufzt und dreht sich von mir weg. „Ich warne Sie aber, ich hab Angst vor Bohrern und es könnte sein, dass ich Sie beiße, als kleiner Hinweis sozusagen.“ füge ich hinzu.
„So schlimm wird´s schon nicht, ich bereite dann jetzt alles vor.“ fährt sie fort. Sie beginnt mit der Behandlung und ich weigere mich anfangs noch meinen Mund aufzumachen und ziehe den Ärger des Behandlungsteams auf mich, als ich anfange zu wimmern, obwohl sie noch gar nicht angefangen haben. „Los jetzt Herr Korschatke, Augen zu und durch!“ reagiert die Ärztin sichtlich gereizt. Ich öffne den Mund und der Bohrer zieht seine Kreise an meinem Zahn. Ich verziehe mein Gesicht vor Schmerzen und sterbe innerlich. Sie bohrt und bohrt und bohrt. Das sind Schmerzen, nicht von dieser Welt. Nervös rutsche ich auf dem Stuhl hin und her und sehe dem Team an, dass sie kräftig genervt von mir sind, da ich immer wieder mit meinem Würgereiz zu kämpfen habe und sie das Bohren dann immer kurz unterbrechen müssen. Wie viel kann ein Mensch ertragen, frage ich mich und überlege, dass ich Pirat werden sollte, denn Piraten haben keine Zähne und folglich auch keine Zahnarzttermine und die Schmerzen spülen die mit einer Buddel Rum runter, eigentlich ein recht attraktives Lebensmodell, finde ich. So richtig arbeiten gehen die ja auch nicht, sondern klauen immer nur Schätze und machen sich dann einen Bunten. Wobei, ich bin ja seekrank, das gilt ja gemeinhin als Ausschlusskriterium für die Piraten-Akademie. Während ich so über das Für und Wider eines Piratenlebens sinniere, schließt das Team die Behandlung ab und macht mir noch die Füllung rein. Die muss noch kurz hart werden und dann kann ich endlich ausspülen. „So Herr Korschatke, das war´s, wir sind durch.“ sagt die Ärztin. „Alles klar, vielen Dank Frau Doktor Mengele.“ sage ich, während ich aufstehe und schnell den Raum verlassen will. Das Team schaut sich irritiert an und hat den Witz wohl nicht so ganz verstanden. Ich bin schon in der Tür, als sie mir noch hinterherruft, dass die anderen Zähne auch mal untersucht werden sollten. „Jaja Frau Doktor, im nächsten Quartal! Auf Wiedersehen!“

-Richard

Ein Tag, um zu feiern.

Episode 13: Der heilige Samstag
Es ist ein lauer Samstagabend und es gibt einen Grund zu feiern. Kalle hat einen runden Geburtstag, darauf fiebern wir schon seit Tagen hin. Alle sind eingeladen: Harry, Holger, Konter-Veit und ich. Eine explosive Mischung, zieh dich warm an, Samstagnacht. Wir haben uns alle fein herausgeputzt und treffen uns zum Einstieg bei Holger am Kiosk und nehmen ein paar Erfrischungsgetränke zu uns, auf dich Kalle! Holger lässt sich natürlich auch nicht lumpen an so einem Tag und serviert uns kleine Bifi-Häppchen im Speckmantel. Wir wollen heute noch weiterziehen und uns ins Getümmel der Nacht stürzen, jedoch müssen wir noch warten, bis Holger die letzten Gäste abgefertigt hat, damit er die Schotten dicht machen kann. Vor dem Kiosk stehen jedoch auch nach unserem inzwischen vierten Getränk noch zwei junge Touristen, die uns total abfeiern und unbedingt an unserer Party teilnehmen wollen, Oh my God it´s so Berlin! Wir haben jedoch wenig Lust auf die beiden, da heute Freundeabend ist. „Geschlossene Gesellschaft heute!“ pfeife ich die zwei an und will sie zum Gehen bewegen. „Excuse me, english please?!“ antwortet einer der beiden mit fragender Miene. „How up do high knee!“ pöbel ich zurück. „Sorry, I quite don´t get it.“ nervt er mich weiter. Wir drehen uns um und ignorieren die beiden. Jedoch wollen sie immer noch nicht gehen und bestellen ein weiteres Bier. Auch Holger ist langsam genervt, allerdings ist es nun mal sein Geschäft. Wir brauchen einen neuen Plan, um die beiden loszuwerden. Da fällt mir spontan ein, dass ich Bohneneintopf zum Abendessen hatte, da lässt sich doch sicher was draus machen. Ich fange an, meinen Bauch von oben nach unten zu massieren und spüre Bewegung in meinem Körper. Kalle, Harry und Konter-Veit schauen mich etwas irritiert an, aber die sollen mal abwarten, gleich haben wir unsere Ruhe. Mein Gesicht verzieht sich allmählich und mein Darm ist auf Hochbetrieb. Hui, für heute Abend ist aber starker Wind gemeldet. Ich stelle mich angespannt neben die beiden Typen und dann lass ich los. Eine Flatulenz die Ihresgleichen sucht, bahnt sich den Weg nach draußen und schlägt wuchtig in die Stille der Nacht ein. Alles in der Umgebung horcht plötzlich auf, sogar die Vögel unterbrechen ihren Schnack. Puh, das riecht gar nicht mal so gut. Das merken auch die beiden Typen, als der Geruch in ihre Nase steigt. „Oh my gosh, I´m gonna throw up!“ schreit einer der beiden und nimmt die Beine in die Hand. „Flieht, ihr Narren!“ rufe ich noch hinterher, als sich auch der zweite aus dem Staub macht. Holger schließt panisch die Theke und auch die Jungs nehmen ein paar Meter Sicherheitsabstand. Holger kommt aus dem Häuschen und schüttelt mit dem Kopf. „Also ob das nun so sein muss, Richard? Das zieht doch alles in die Küche rein.“ regt er sich auf. „Ach, das wird schon weggeatmet morgen. Jetzt haben wir unsere Ruhe.“ beruhige ich ihn. Jetzt kann der Abend endlich weitergehen. Wir machen uns also auf den Weg  zu einer Partymeile mit Rucksäcken voller halber Liter. Unser ursprünglicher Plan in eine Disko zu gehen wird recht schnell ad acta gelegt, da uns niemand mit den Rucksäcken reinlassen will. Wir beschließen, den Inhalt vorsorglich in unsere Rachen zu entleeren und später wiederzukommen. Dazu haben wir uns ein nettes Straßeneckchen gesucht. Es sind eine Menge Leute unterwegs hier, einige sogar nett, andere aber scheiße. Recht schnell sind alle gut hydriert und auch die Bäume in der Straße werden fleißig bewässert. Wir kommen mit vielen Leuten ins Gespräch und Kalle stellt sein Kofferradio auf und sorgt für die passende musikalische Stimmung. Da Kalle allen erzählt, dass er Geburtstag hat, bekommt er Unmengen an Schnaps ausgegeben und ist schon bald angezählt. Mal sehen was Konter-Veit so macht. Er steht mit einer etwa 25-Jährigen neben einem Lokal, ich lausche mal. „Ach so ein Quatsch!! Da brauchste MDF-Platten für, der andere Scheiß nässt dir doch völlig durch. Dann schön mit ner Winkelplatte fixieren und mit´n Lötkolben nachbearbeiten!“ schreit er seine Gesprächspartnerin an und spuckt dabei fürchterlich. „Wasn hier los?“ frage ich. Die Frau geht wortlos und lässt Konter-Veit schwankend zurück, welcher nur noch an seiner Bierflasche Halt findet. Ok, der nächste Kandidat für den frühen Ausstieg. Wir gehen wieder zurück und merken, dass Holger sich schon aus dem Staub gemacht hat. Kalle liegt auf dem Gehweg und ruht sich erst mal aus. Harry scheint noch gut dabei zu sein. Mir wird auch langsam duselig, ich glaub das wird nichts mehr mit Disko. Irgendwann erwacht Kalle wieder aus dem Koma und wir geben uns den Rest. Die Stunden fliegen dahin, die Menschen kommen und gehen und auch wir wechseln mehrmals die Ortschaft und fühlen uns wie Könige. Irgendwann ist Kalle endgültig verschwunden, aber das ist ja nichts neues, den findet im Laufe der Woche jemand umherirrend. Harry verabschiedet sich morgens um 6 Uhr von uns, als es schon hell ist und wir zu dritt aus einer Kneipe stürzen, Gabi macht dicht. Konter-Veit und ich sitzen danach noch in einem nahegelegenen Hauseingang und schwelgen in Erinnerungen und trinken unsere letzten Reserven. Dabei merken wir, wie die Stadt langsam wieder erwacht, alles dreht sich. Irgendwann trage ich Konter-Veit nach Hause und mache mich torkelnd auf den Heimweg. Irgendwie hab ich aber noch große Lust auf einen kleinen Absacker, bin aber komplett pleite und mein Portemonnaie ist völlig zerfleddert. Hunger hab ich aber auch irgendwie. Wie kann ich dieses Problem nur lösen? Als ich so die Straße entlang schwanke, nehme ich ein Läuten wahr. Oh, das ist doch … heute ist doch schon Sonntag. Ich komme an einer Kirche vorbei, draußen hängt ein Schild: ´Heute Abendmahl´. Na perfekt, Brot und Wein für lau. Ich öffne die schwere Tür und ernte sofort ein paar ernste Blicke, denn der Gottesdienst hat schon angefangen, Sorry! Mit halb geöffneten Augen suche ich mir einen Platz. In der Mitte einer Bank in den hinteren Reihen ist noch Platz. Ich versuche mich zu setzen und rutsche dabei auf frisch polierten Lackschuhen aus. Aufgrund der propagierten Nächstenliebe wird mir aber wieder aufgeholfen und ich werde von zwei Männern auf die Bank gehievt, Danke Danke. Ich schaue nach rechts und links und sehe, dass sich die Menschen die Nase zuhalten, finde auch, dass die Kirche ganz schön muffig riecht und halte sie mir ebenfalls zu. Bald geht endlich das Abendmahl los. Als erstes kommt der Brotkorb bei mir an, Mensch Egon hab ich einen Hunger. Ich nehme mir frecherweise ein bisschen mehr Brot, was vom Rest der Reihe recht kritisch beäugt wird. Dann kommt der Pfarrer mit dem Weinkelch an die Sitzreihe und gibt den Anwesenden einen Schluck. Nervös schaue ich nach rechts wo der Kelch langsam auf dem Weg zu mir ist. Na na, nicht so gierig da drüben, ich will auch noch was. Der Pfarrer kommt zu mir und gibt mir den Kelch. Ich setze an und trinke einen kräftigen Schluck, da ist der Kelch erstaunlicherweise plötzlich alle, na sowas. Der Pfarrer schaut mich entsetzt und traurig an. „Lass mal de Luft raus, Graukappe.“ sage ich und drücke ihm den leeren Kelch in die Hand. Der Pfarrer geht nach vorn, füllt wieder auf und kommt zurück. Ich will schon nach dem Kelch greifen, doch er geht an meine Nachbarin. Jetzt bin ich ziemlich eingeschnappt und fühle mich nicht mehr willkommen und beschließe zu gehen, so wird also mit Menschen in Not umgegangen. Ich trete aus der Kirche heraus und werde vom Tageslicht geblendet, Aua! Zeit ins Bett zu gehen. Richard out.

-Richard

Ein Tag, aus dem ich das Beste mache.

Episode 12: Bewerbungstraining
Eine neue Woche hat begonnen. Ich hab mich so allmählich von den Schrecken des Kapitalismus erholt. Ich lass es jetzt erst mal etwas ruhiger angehen, waren turbulente Wochen, will ja keinen Burn-Out. Erst mal geht es zum Wochen-Einkauf, bei dem ich mir allerlei Köstlichkeiten gönne, heute Mittag gibt es gekochte Fleischwurst. Als ich wieder zuhause ankomme, werfe ich einen Blick in den Briefkasten. Hmm was ist denn da drin, oh ein Brief … ich bin kein Fan von Briefen, weswegen ich ein Schild an meinem Briefkasten angebracht habe: `Bitte nur gute Post´. Ich hole meinen Schlüssel raus, um den Kasten zu öffnen. Das Schloss von meinem Briefkasten klemmt allerdings ständig. Ich stecke den Schlüssel rein und da haben wir wieder den Salat, Briefkasten wieder verklemmt. Ich rüttel und schüttel, doch dieses Scheißding geht nicht auf. Orrr schon wieder so ein Stress zum Montag. Wutentbrannt reiße ich mit voller Wucht den Briefkasten auf, da bricht das Schloss heraus. Na klasse, der Herr gibt, der Herr nimmt. Ich nehme den Brief heraus und gehe schnell in die Wohnung hoch und bereite einen Zettel vor und beschrifte ihn mit `Bitte reparieren!`. Den Zettel klebe ich an den kaputten Briefkasten und gehe wieder hoch in die Wohnung. Ich setze schnell Wasser auf für die Fleischwurst und kredenze eine Dose Thunfisch für Baron von Scheißhausen. Die Wurst fängt an zu kochen und ich widme mich mal kurz dem Brief. Och nö, oder? Von Frau Niedermeyer, das kann nichts Gutes bedeuten. Ich öffne den Brief. Sehr geehrter Herr Korschatke … bla bla … sind Sie ihrer Bewerbungspflicht nicht ausreichend nachgekommen … bla bla … für Sie ein Bewerbungstraining organisiert … WAS? Das ist doch nicht die Möglichkeit! Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Niedergeschlagen sinke ich zusammen und falle ins Sofa. Auf den Schreck brauch ich erst mal einen Kurzen. Jetzt bin ich aber so richtig sauer und nehme mein Handy und rufe bei der Post an und scheiße die Mitarbeiterin am Telefon so richtig zusammen, da ich ausdrücklich zu erkennen gegeben habe, dass nur gute Post zugestellt werden soll. Die Mitarbeiterin hat wenig allerdings Verständnis für meine Situation. Oh da fällt mir ein, meine Fleischwurst! Ich renne in die Küche und wie hätte es anders sein sollen, die Wurst ist geplatzt. Frage nicht nach Sonnenschein … dieser Tag kommt ganz schnell in den Sondermüll.
Am nächsten Tag mache ich mich geknickt auf den Weg zum Bewerbungstraining. Ich kann es mir nicht leisten, dass mir weiter Geld gekürzt wird, also bleibt mir leider keine andere Wahl. Das Ganze findet im hiesigen Berufsbildungszentrum statt. Draußen hängt schon ein Schild mit der Wegbeschreibung, also rein ins Gebäude und erst mal den Raum suchen. Völlig verloren irre ich in einem Flur herum, da kommt so ein Anzugträger. „Kommen Sie von Frau Niedermeyer?“ fragt er mich. „Ja ja, die Schlachterin treibt das Vieh mal wieder auf die Schlachtbank.“ antworte ich. „Ich bin der Leiter, Herr Krawull.“ stellt sich dieser Schnösel vor, wirkt ganz schön arrogant und streng.
Wir gehen gemeinsam in einen Raum voller Computer, oh weia, das weckt schlimme Erinnerungen. Hoffentlich geht heute alles gut. Im Raum sitzen schon einige Leute, die scheinbar ebenso wenig motiviert sind wie ich, wenigstens etwas. Herr Krawull beginnt, nachdem sich alle einen Platz gesucht haben und sich kurz vorgestellt haben. Ich sitze in der letzten Reihe, wie früher im Bus zur Schule. Er erklärt uns, was er heute alles vor hat, wovon ich absolut kein Wort verstehe, da neben mir eine ältere, völlig verlotterte Frau sitzt, die anscheinend mit sich selbst spricht. „Hey, Ruhe da! Ich will zuhören!“ schreie ich sie an, alle schrecken kurz auf. „Alles in Ordnung, Herr Korschatke?“ fragt mich Herr Krawull. „Das ist eine Unruhe hier! Wie am Bahnhof …“ rege ich mich auf. „Ich bitte alle um ein bisschen mehr Ruhe, ja?!“ sagt Herr Krawull mit nachdrücklichem Ton und fährt fort. Beginnen will er mit irgendeiner Einführung in Social Media Unternehmens-Scheiß. Verstehe ich nicht, sollte doch ein Bewerbungstraining werden?! Ich hebe die Hand. „Ja Herr Korschatke, was ist jetzt wieder?“ fragt er. „Herr Wachtmeister, ich glaub ich bin in der falschen Zelle!“ antworte ich. „Nicht so frech, ja? Wir machen heute verschiedene Dinge, die Sie auf das Berufsleben unter verschiedenen Aspekten vorbereiten soll. An ihrer Stelle würde ich aufpassen.“ entgegnet Herr Krawull. „Kein Interesse!“ rufe ich zurück. „Schluss jetzt da hinten auf den billigen Plätzen!“ schreit er zurück. Oha, da ist aber jemand mit dem falschen Bein aufgestanden, rotzfrech. So was muss ich mir von so einem Fatzke nicht anhören. Es geht also weiter und er erzählt uns von der Wichtigkeit vom professionellen Internetauftritt eines Unternehmens und wie wichtig soziale Kompetenzen in der Öffentlichkeitsarbeit sind, bla bla bla.
Dann erzählt er irgendwas von Internet-Shitstorms. Shitstorm im Internet … dass ich nicht lache, wir haben den Leuten damals noch persönlich vor die Haustür geschissen, wenn wir eine kleine Meinungsverschiedenheit hatten. Ist wirklich nur schwer zu ertragen das Ganze, aber ich habe vorgesorgt und mir ein kleines Lunchpaket zurecht gemacht. Als Herr Krawull gerade etwas an die Tafel schreibt, wandert mein Griff in die Jacken-Tasche zu meinem Flachmann in praktischer Familiengröße und ich gönne mir einen Schluck Likörchen. Die verlotterte Frau neben mir kriegt das mit und bekommt ganz große Augen. „Darf ich mal nippen???“ flüstert sie. „Nee!“ flüstere ich zurück. „Komm schon, sonst verpfeife ich dich beim Offizier.“ setzt sie nach. Die hat was auf dem Kasten, mir bleibt nichts anderes übrig, als zu teilen. Sie nimmt einen kräftigen Schluck und plötzlich bekommt ihre Haut Farbe, scheint ein kleines Problem zu haben, die Gute. Immerhin habe ich eine gute Tat vollbracht heute. Der erste Block des Programms ist endlich vorbei und meine Laune steigt so langsam, auch die meiner Nachbarin. Weiter geht es mit Bewerbungen schreiben.
Herr Krawull zeigt uns am Beamer eine Vorlage für eine gute Bewerbung und wir sollen das für unseren Lebenslauf übertragen. Er gibt uns ein paar Minuten Zeit und geht kurz aus dem Zimmer, das heißt Elvira und ich gönnen uns noch ein paar edle Tropfen. Scheint aber ganz schön zu greifen bei ihr, sie fängt schon an zu lallen. Ich setze mich mal alibimäßig an die Bewerbung, bevor es noch Peitschenhiebe vom Pimmelkrause gibt. Krawull kommt wieder ins Zimmer und geht bei allen an den Platz, um sich ein Bild zu verschaffen. Zufrieden scheint er in den ersten Reihen nicht zu sein, wie ich seinem Kopfschütteln entnehmen kann. Bald kommt er zu mir an den Platz. „So! Zeigen Sie mal her, Herr Korschatke.“ Ich drehe den Monitor mit zittrigen Händen zu ihm hin, ich hab Angst, dass wieder ein Malheur wie bei Marco passiert. „Was haben wir denn da? Ach Mann, in der Überschrift geht´s ja schon los! Es heißt Bewerbung und Ebwerbung …!“ schnauzt er mich an. „Ahhh ja, Zahlendreher.“ rechtfertige ich mich. Herr Krawull schaut mich kopfschüttelnd an. „Bei Ausbildung schreiben Sie: `ja´?! Was haben Sie denn für eine Ausbildung?“ fragt er mich. „Naja, ich hab hier und da mal reingeschnuppert.“
Herr Krawull ist fassungslos und geht zum nächsten Platz, zu Elvira. „Frau Bergner, bei Ihnen steht ja noch gar nix! Und Sie haben eine fürchterliche Fahne.“ regt sich Herr Krawull auf. „Jaaaa, is hier alles, ach, ich äh, mir geht´s nich so, schwierig alles, ja.“ lallt Elvira vor sich hin, ich muss ein bisschen grinsen. „Machen Sie das jetzt fertig und dann schicke ich eine Meldung an ihre Sachbearbeiterin, dass Sie hier betrunken sind!“ Herr Krawull ist richtig sauer. Elvira stöhnt dabei und wälzt sich auf dem Stuhl herum. „Herr Krakau, mir is übel, ich glaub, ich muss, äh …“ Ui, das sieht nicht gut aus, du. „Was ist los?“ fragt Herr Krawull, als er sich nochmal zu Elvira umdreht und da kommt es schon: Ein Schwall an Erbrochenem arbeitet sich durch Elviras Speiseröhre an die Oberfläche und platzt wie eine Fontäne aus ihr heraus, ja sag mal, ist denn schon Silvester? Der Monitor und die Tastatur sind schön eingeseift. Herr Krawull steht unter Schock, Elvira hängt in den Seilen. „Elvira, das wäre doch nicht nötig gewesen. Backobst hat hier keiner bestellt.“ rufe ich laut lachend. „Korschatke war´s …“ haucht Elvira noch leise heraus. Krawull ist fertig mit den Nerven und beendet die Stunde und ruft den Reinigungs- und Sicherheitsdienst. Zufrieden packe ich meine Sachen und ziehe von Dannen. Hätte schlimmer laufen können für mich.

-Richard

Ein Tag, an dem ich Geld brauche.

Episode 11: Auf den Hund gekommen

Seit Konter-Veit in die Stadt gezogen ist und wir nun fast täglich um die Häuser ziehen, hat sich mein Kontostand sukzessive verflüssigt und mir steht das Wasser finanziell bis zum Hals. Den Kaffee muss ich inzwischen dreimal durch die Maschine jagen, es ist an der Zeit mir eine neue Verdienstmöglichkeit zu suchen. Ich mach mich also auf den Weg zu Holgers Kiosk, um die Lokalblätter nach Jobs zu durchforsten. Die Recherche in meiner Fernsehzeitung ist eher suboptimal gelaufen, Wer wird Millionär war nicht an meiner Teilnahme interessiert, Glücksrad scheint auch nicht mehr zu laufen.
Angekommen bei Holger richte ich mir am Stehtisch vor dem Kiosk also ein kleines Office ein. Alle möglichen Zeitungen liegen bereit und natürlich darf auch die Verpflegung nicht zu kurz kommen. Pausen sind das A und O, um diesen Druck standzuhalten.
Mit Schweißperlen auf der Stirn und Senf am Ärmel mach ich mich an die Arbeit.
Ich bin sehr nervös, denn ich will nicht auf meine Luxusgüter verzichten, meine Zigaretten rauche ich inzwischen zweimal. Ich schlage die Zeitung auf und blättere an Titten-OPs und Autounfällen vorbei und stoße auf allerlei Kuriositäten des Alltags unserer Stadt und ihrer Menschen. Berlin, dich hat´s ganz schön erwischt, du. Gut, dass es noch Plätze wie diesen gibt, wo man sich erden kann, wo man sich sicher fühlt, mein Punkt (0|0|0|0), darauf trink ich ein Bier. Verpflegung ist schon wieder alle, brauche neue Erfrischungsgetränke.
Nach einer gefühlten Ewigkeit komme ich bei den Stellenanzeigen und Jobangeboten an. Na da schauen wir mal, wer bald jubeln darf und um einen Richard reicher wird.
Es wird Hilfe in einem Lager gesucht, Arbeitszeit zwischen 22:00 und 06:00, neeeee, bringt meinen Terminkalender nur durcheinander. Was gibt es noch? Aushilfskellner in einer Kneipe … puuhhh … besser nicht, würde zu viele Überstunden machen. Gärtnerarbeiten in einer Grundschule… ah nee, ich hab´s so im Rücken, das gibt nur wieder einen Hexenschuss. Ganz schön hart diese Arbeitswelt, ich zünde mir erst mal eine Kippe an – AUUUAAAAA Rauch im AUGE!! Ich heule, tut das weh! Ich glaub ich geh zu Frau Niedermeyer und melde das als Arbeitsunfall.
Nachdem sich mein Auge wieder beruhigt hat und ich erst mal einen Schreckliter zu mir genommen habe, versuche ich´s noch mal. Oh, was ist das denn? Hundebetreuung, zweimal die Woche, Vergütung in bar, ohne Anmeldung. Na das ist doch mal was, oder? Ich reiße den Ausschnitt heraus und gehe direkt an Holgers Telefon und wähle die Nummer.
Nach viermal klingeln meldet sich eine Stimme: „Ja Hallo, hier ist Angelika Bismarck.“ – „Tach auch, Korschatke am Apparat. Ich hab ihre Stellenanzeige in der Zeitung gesehen und hätte Interesse.“ – „Ja? Haben Sie denn Erfahrung mit Hunden?“ – „Ähm, ja … ja na klar, einiges an Erfahrung!“ – „Na dann kommen Sie doch mal vorbei und lernen Sie den kleinen Racker kennen.“
Sie gibt mir ihre Adresse und ich lege auf. Ich bin schon halb auf dem Weg, als mir einfällt, dass ich vielleicht mal hätte duschen sollen oder Klamotten wechseln, aber das kostet ja alles Geld und ich muss sparen. Ich geh nochmal zu Holger an den Tresen.
„Holger, ich brauch dringend 3 Wunderbäumchen!“ – „Was willste denn damit?“ fragt Holger. „Frag nicht weiter, gib einfach her.“ – „Du hast noch nicht mal dein Bier bezahlt, du Schmarotzer.“ – „Ja ja, schreib das alles mal schön auf mein Deckel.“
Holger gibt mir die 3 Wunderbäumchen und beobachtet mich bei meinem Vorhaben.
„Is doch ganz einfach Holger, 2 unter die Achseln und einen in den Schritt hängen, schon riechste wie´n Neuwagen und Hunde mögen Autos.“
Ich mach mich selbstbewusst auf den Weg zu der Adresse, das wird ein Heimspiel.
Angekommen bei der Adresse klingel ich in einem Mehrfamilienhaus in einer ziemlich noblen Gegend bei Bismarck. Mit dem Ton der Klingel schallt ein lautes Bellen in mein Ohr und ich schrecke zusammen. „Komm´se hoch Herr Korschatke.“ spricht Frau Bismarck durch die Gegensprechanlage und ich gehe rein. In der Wohnungstür wartet bereits ein äußerst nervöser und gar nicht so kleiner Racker. „Entschuldigen Sie, der kleine muss mal raus und ist schon ganz aufgeregt auf seinen neuen Spielgefährten.“ – „Naja, so klein ist er ja nicht …“ – „Nee nee, aber ein ganz lieber. Ich würde ja vorschlagen, dass sie den kleinen Hasso mal Probe nehmen und sie beide den Tag zusammen verbringen und wenn das klappt, dann können wir gerne feste Tage vereinbaren und über die Bezahlung reden.
Für heute bekommen Sie natürlich auch ein Taschengeld.“ – „Na klar, klingt gut.“
Hasso schnüffelt mir völlig aufdringlich am Schritt herum und versucht mein Bein zu besteigen. „Hey, weg da, du Schlingel.“ – „Ach, ich sehe Sie mögen sich, ich hole mal eben noch Leine, Leckerlis und Hundetüten.“
Frau Bismarck drückt mir einen Stoffbeutel in die Hand und verabschiedet uns. Na dann wollen wir mal, kleiner Hundi. Am besten wir fahren erst mal zu Holger zurück, denn da ist gleich ein Park gegenüber, da kann ich mit ihm laufen gehen und Vati kann sich ausruhen. Hasso zieht mich zur S-Bahn Haltestelle, meine Güte, hat der eine Kraft.
Wir steigen in die S-Bahn ein und machen uns auf den Weg. Wir sitzen auf einem 4er-Platz und lassen uns den Wind durch das Fenster ins Gesicht blasen. Nach 3 Stationen treten 2 Kontrolleure in die Bahn. „Die Fahrscheine bitte!“ ruft es durch das Abteil. Kein Problem für mich, hab mir neulich eine Jahreskarte mit meinem gefälschten Frührentner-Ausweis erschlichen, welche noch billiger als das Sozialticket ist. Die Kontrolleure kommen zu uns an den Platz. „Einmal die Fahrausweise bitte.“ fordert er mich auf und ich gebe ihm mein Ticket. „Ok, und das Ticket für Hund?“ fragt er. „Hm? Ticket für den Hund?“ hake ich nach. „Ja, Hunde dieser Größe müssen ein ermäßigtes Ticket lösen.“ – „Ach so, ja, ist ja gar nicht mein Hund.“ – „Nicht? Sieht aber stark danach aus, ich muss sie dann bitten auszusteigen und Sie müssen ein Bußgeld zahlen.“ – „Nee, wie gesagt ist nicht mein Hund. Der war hier schon, als ich reinkam. Hab mich dann zu ihm gesetzt, weil er so einsam aussah. Dass er schwarz fährt, wusst ich natürlich nicht, ist ja auch eine Unverschämtheit so was!“ – „Also letzte Chance, wenn Sie sagen, das ist nicht ihr Hund, dann müssen wir ihn festnehmen.“ – „Ja richtig so! Solche Typen wollen wir hier nich! Schwarzfahrer! Pfui!“ schreie ich und Hasso wird von den beiden Kontrolleure an der nächsten Station abgeführt, ich fahre weiter. Ach du Scheiße … ich bin wie gelähmt und mein Herz steht kurz vor dem Stillstand, ich schwitze so sehr vor Angst und schlechtem Gewissen, dass selbst die Wunderbäumchen nicht mehr helfen. Wie ein Schluck Wasser hänge ich in meinem Sitz und ringe nach Fassung über das, was sich hier gerade abgespielt hat. Das war jetzt nicht unbedingt meine Glanzstunde.
Nach ein paar Minuten wache ich langsam wieder aus der Schockstarre auf. Ach komm, so schlimm war das ja jetzt gar nicht oder? Ich bin halt fast pleite und die Frau Bismarck hat ja anscheinend eh nicht mehr so viel Zeit für ihn gehabt, nee, da können wirklich größere Missgeschicke passieren, denke ich.
Diese Arbeitswelt … wie soll man diesem Druck nur standhalten, es ist zum Mäuse melken. Was da alles von einem gefordert wird und das für 20 Euro und einen Beutel mit Hundesachen. Ich fahre weiter zu Holger, von diesem Schreck muss ich mich erst mal erholen. Manchmal scheitert man eben an den gesteckten Zielen, kein Grund in Panik zu verfallen. Abwarten und Bier trinken.

-Richard